Der Mond und das fehlende Sternlein

Weit hinaus über dem Horizont, hinter vielen Wolkenbergen, hat der Mond sein Reich. Am Tage ruht er, doch wenn es langsam dunkel wird in unserer Welt, zündet er sein Licht an. Es reicht bis zur Erde hinunter. So manchem Wanderer hat der Mond so schon den Weg gewiesen. Doch es ist nicht nur der Mond, der über uns Erdenbürger und über alle Tiere wacht. Auch die vielen tausend Sterne erhellen mit ihrem Licht tief in der Nacht unsere Welt. Viele Schiffe haben sie so schon sicher in den Heimathafen geleitet. Denn die Sterne haben alle einen festen Platz am Himmelszelt. Egal also wo sich ein Schiff auf dem großen Meer befindet, die Sterne weisen dem Kapitän immer die Richtung. Das war aber nicht immer so.

Vor langer, langer Zeit, schwirrten die Sterne des Nachts umher, ohne ein Ziel. Sie trafen sich zu Hunderten auf der Milchstraße um ein Schwätzchen zu halten, nur um ein paar Minuten später wieder in alle Richtungen zu zerstieben. Der Mond amüsierte sich darüber immer sehr. Einmal im Monat allerdings, dann nämlich wenn er besonders dick und rund am Himmel stand, bestand der Mond darauf, dass alle seine Sternenkinder an ihm vorbeiziehen. So konnte er sie zählen.

In einer solchen Nacht musste der Mond feststellen, dass ein Sternlein fehlte. So zählte er ein zweites Mal. Aber auch das änderte nichts daran. Er hatte einen der kleineren Sterne verloren. Der Mond fragte all die anderen Sterne nach dem fehlenden Stern, doch niemand hatte ihn gesehen. Ganz schlecht wurde es da dem Mond. Die ganze restliche Nacht weinte er dicke Tränen, die langsam, wie große Seifenblasenbälle, über sein Gesicht rollten. Noch viel trauriger wurde er, als er merkte, dass niemand der anderen Sterne den fehlenden Stern kannte. Der Mond grollte. Sein wütendes Heulen wurde immer schauriger. Noch nie hatte er einen Stern verloren. Erst als der Morgen schon ganz nahe war, wurde er stiller. Leise wünschte er der Sonne noch einen schönen Tag, dann verzog er sich in sein Wolkenbett. Schlafen konnte er aber nicht. Zuviel spukte in seinem Kopf herum. "Es muss etwas passieren", sagte er zu den größeren Sternen, die sich um ihn geschart hatten. "So kann es nicht weitergehen." 

Während die Sonne ihre Bahnen zog und alle Sterne schliefen, tat der Mond kein Auge zu. Er wälzte sich in seinem Wolkenbett von einer Seite zur anderen und grübelte. Solange bis er vor lauter Müdigkeit in einen unruhigen Schlaf fiel. Er träumte von seinen Sternen, vom Himmelzelt, von den Wolken und vom Wind. Und aus all den vielen Traumbildern formte sich eine Idee.

Er erwachte, als die Sonne ihn mit ihren letzten Tagesstrahlen sanft anstupste. "He, dicker Geselle, aufwachen. Die Menschen warten auf dich." Der Mond rieb sich die Augen. Einige Sterne düsten schon leuchtend an ihm vorbei. "Heute kann ich nicht, ich habe eine Aufgabe zu erledigen. Und ich brauche Ruhe dafür."

Das hatte die Sonne noch nie erlebt. Kein Mond am Himmel in der Nacht, niemand der Wache hält? Verwundert sah sie den Mond an. "Du weißt, dass ich nicht bleiben kann. Wenn du Ruhe brauchst, kann dir aber vielleicht der Wind helfen." Nach diesen Worten verblasste die Sonne endgültig. Der Wind, keine schlechte Idee, dachte der Mond und rief ihn herbei. Der Wind ließ sich nicht lange bitten. Nachdem ihm der Mond erklärt hatte was er vorhabe, schob der Wind viele dunkle Wolken um den Mond. So hatte er seine Ruhe.

Die ganze Nacht arbeitete der Mond an seinem Plan, und als die Sonne langsam anfing mit ihren Strahlen den neuen Tag zu begrüßen, war sein Werk vollbracht.  Müde wie er war, schlief der Mond ein. Den ganzen Tag rührte er sich nicht vom Fleck. Sein lautes Schnarchen war bis in den entferntesten Winkel des Himmels zu hören.

In der nächsten Nacht leuchtete er dicker und runder als sonst. Er rief alle Sterne zusammen. Abertausende große und kleine Sterne scharten sich um ihn und warteten gespannt. Der Mond bat um Ruhe. Nachdem auch das letzte Sternlein verstummt war, breitete der Mond eine riesige Karte aus. Darauf waren viele Linien und Zeichnungen zu sehen. "Jeder Stern bekommt ab sofort einen Namen und einen festen Platz am Himmelszelt. Ich werde euch alle in kleine Gruppen einteilen und miteinander verbinden. So könnt ihr aufeinander aufpassen und ich weiß immer wo ihr seid."

Ein Raunen erhob sich unter den Sternen. "Was für eine grandiose Idee", rief ein besonders dicker Stern. Alle drängten sich näher an den Mond, weil sie unbedingt wissen wollten wie ihr Name lauten würde und welchen Platz der Mond ihnen wohl zugedacht hat. Sie kamen so nahe, dass der Mond fast von seiner Wolke gefallen wäre. "Immer mit der Ruhe", sagte er gutmütig. "Jeder kommt an die Reihe!"

Die ganze Nacht arbeitete der Mond. Jedem Stern gab er einen Namen und setzte ihn an den vorgesehen Platz. So entstand, genau nach dem Plan auf seiner Karte, ein Sternenbild nach dem anderen. Da gab es einen Krebs, einen  Löwen, einen Fisch und sogar ein Chamäleon. Kurz bevor die Sonne sich wieder zeigen würde, setzte der Mond das letzte Bild zusammen. Einen kleinen Wagen. Nur noch wenige Sterne hatte er dafür übrig. So sehr er sich aber auch anstrengte, es gelang ihm nicht.  Immer wieder setzte er die restlichen Sterne um. Vergebens, es fehlte das rechte Rad. Dafür war einfach kein Stern mehr da. Gerade als er aufgeben wollte, hörte er aus der Ferne ein leises Wispern. Der Mond musste sich mehrmals um die eigene Achse drehen, bevor er etwas sehen konnte. Zwischen vielen kleineren Wölkchen blitzte ein schwaches Licht. Als es näher kam, konnte der Mond einen winzig kleinen Stern erkennen. Atemlos und völlig aus der Puste, baute sich das kleine Sternlein vor ihm auf. "Nimm mich lieber Mond, ich bin zwar sehr klein, aber für das rechte Rad wird es reichen."

Da war er also, der fehlende kleine Stern. Jubelnd schloss der Mond das Sternlein in seine Arme. Vor lauter Freude hätte er es beinahe zerdrückt. Er nannte das Sternlein Pherkad und setzte es als rechtes Rad des kleinen Wagens ein. Zufrieden mit seinem Werk schaute er sich um. Über das ganze Himmelszelt verteilt, leuchteten die Sternbilder miteinander um die Wette.

Seit dieser Nacht haben alle Sterne einen Namen, einen festen Platz und können so den Menschen nachts den Weg weisen. Bis heute hat der Mond  nie mehr wieder einen seiner Sterne verloren.

 

Text: Perdita Klimeck

Illustration: Sarah Engelhardt


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