Der kleine Stern und der Mond

Es war zu einer Zeit, als die Menschen noch in kleinen Dörfern lebten und nur zu Fuß alle Wegstrecken bewältigen konnten. Zu dieser Zeit gab es noch keine lauten Städte. Es war so ruhig, dass man dem Flüstern der Bäume lauschen konnte, wenn sie im Wind Geschichten aus uralten Zeiten erzählten. Wer so eine Geschichte hörte, erzählte sie den Kindern, und die wiederum trugen sie weiter zu ihren Kindern. Nur so kam es, dass man sich auch heute noch die Geschichte vom kleinen Stern erzählt, der sich in den Mond verliebt hatte.

Der kleine Stern war wirklich sehr klein. Er zählte zu den kleinsten Sternen des ganzen Himmels. Nur wenn man ganz genau schaute, konnte man ihn leuchten sehen. Er war nämlich nicht nur klein, nein, seine Heimat war auch im entferntesten Winkel des Himmels.

Jedesmal wenn die Nacht hereinbrach, zündete der kleine Stern sein Lichtlein an und leuchtete so gut er konnte. Weil er aber so klein war, beachtete ihn niemand. Trotz allem, war der kleine Stern zufrieden. Nur hin und wieder sehnte er sich nach einem Spielkameraden.

Eines nachts drehte sich der kleine Stern aus lauter Langeweile in eine andere Richtung. Was er dort erblickte, sollte von nun an sein Leben verändern.

Seine kleinen Sternenaugen schauten geradewegs dem Mond ins Gesicht, der in dieser Nacht besonders hell erstrahlte. So etwas Schönes hatte der Stern noch nie in seinem ganzen Sternenleben erblickt. Glänzend, wie ein silberner Ball, lag der Mond vor ihm. Der Anblick raubte dem kleinen Stern den Atem, sodass er einen Moment die Kontrolle verlor und sein Licht verlöschte. Hastig zündete er es wieder an.

Von nun an drehte er sich jeden Abend in die Richtung des Mondes und beobachtete ihn aus weiter Ferne. Von Nacht zu Nacht gewann der kleine Stern den Mond lieber. Jetzt strengte er sich doppelt an, um zu leuchten. Er plusterte sich auf, bis die Spitzen regelrecht glühten. Aber nichts half, der Mond bemerkte den kleinen Stern nicht.

Aufmerksam wurden nur die anderen Sterne, die rings um ihn herum standen. Sie lachten über den kleinen Stern und tuschelten hinter seinem Rücken. "Wie kann man nur so dumm sein", sagten sie, "und sich in den Mond verlieben."

Je mehr sich der kleine Stern anstrengte, die Aufmerksamkeit des Mondes auf sich zu ziehen, desto mehr Spott musste er ertragen. Immer trauriger wurde er und sein Lichtlein wurde mit jeder Nacht, die er vergeblich hoffte, kleiner. Irgendwann erlosch sein Licht. Ganz kalt war er nun, der kleine Stern. So trieb er von Kälte geschüttelt in seiner Umlaufbahn durch den Himmel.

In einer besonders dunklen Nacht, es waren nur wenige Sterne unterwegs, weil viele dunkle Wolken durch den Himmel trieben, stieß er mit einem großen dicken Stern zusammen. Der dicke Stern war sehr verwundert auf einen Artgenossen zu treffen, der kein Licht besaß und zu allem auch noch vor Kälte zitterte. " Was ist mit dir passiert?" fragte er den kleinen Stern. Dieser klagte ihm schluchzend sein Leid.

Der dicke Stern hatte großes Mitleid mit ihm und versprach, sich eine Lösung zu überlegen. " Wenn wir uns morgen Nacht wieder hier treffen, habe ich sicher eine Möglickeit gefunden dir zu helfen."

In der nächsten Nacht stießen sie wieder an der selben Stelle zusammen. Der dicke Stern legte auch sofort los. " Du musst einfach näher an den Mond heran, damit er dich sieht. Und vor allen Dingen, musst du wieder leuchten."

"Aber wie soll ich das anstellen?", fragte der kleine Stern.

Der dicke Stern lächelte. "Du musst dich aus deiner Umlaufbahn werfen, dann schaffst du es, dem Mond näher zu kommen."

Das leuchtete dem kleinen Stern ein.  Als es wieder Nacht wurde, zündete er zaghaft ein kleines Licht an. Er reckte und streckte sich, warf sich hin und her. Sogar Luftsprünge versuchte er. Aber was er auch tat, er schaffte es nicht, sich aus der Umlaufbahn zu werfen. Nach vielen Versuchen gab er auf und weinte bitterlich. So fand ihn der dicke Stern, auf seinem Weg durch die Nacht, vor.

"Ich habe nicht genug Kraft", schluchzte er.

Der dicke Stern schüttelte nachdenklich seinen Kopf. "Weißt du was, ich werde dich aus der Umlaufbahn stoßen. Ich bin groß und stark. Meine Kräfte reichen sicherlich dafür aus."

"Nein", antwortete der kleine Stern, "das kann ich nicht von dir verlangen. Denn auch du würdest dann deine Bahn verlassen müssen. Und wer weiß, wo du dann hingetrieben wirst."

Schmunzelnd nickte der dicke Stern. "Das lass mal meine Sorge sein, ich werde schon zurecht kommen. Hauptsache, dir ist geholfen."

Nach diesen Worten plusterte der dicke Stern sich mächtig auf und drehte sich mit Schwung dreimal um die Achse. Mitten in der letzten Drehung glühte er auf wie ein Feuerball, packte dabei den kleinen Stern und schmiss sich mit aller Kraft aus der Umlaufbahn. Ganz schwindelig wurde es dem kleinen Stern bei dem Flug. Ängstlich schloss er die Augen. Nach einer kleinen Ewigkeit merkte er, wie er dem dicken Stern entglitt und langsam zur Ruhe kam. Zunächst atmete er ganz tief ein. Dann öffnete er vorsichtig die Augen. Sein kleines Herz machte einen Riesenhüpfer und sein Licht flackerte in heller Aufregung. Da war er, ganz nah, sein Mond. Und er lächelte ihn an. Vor lauter Freude wurde sein Licht so glänzend und hell, dass sogar der Mond geblendet war. Manch ein anderer Stern wurde ganz blass vor Neid.

Der kleine Stern war glücklich und zeigte dieses Glück von nun an in jeder Nacht.

Nie wieder erlosch sein Licht. Noch heute fliegt er in seiner Bahn ganz dicht um den Mond herum.  Und immer, wenn er an einer ganz bestimmten Stelle vorbei kommt, lässt er das Licht für einen kurzen Moment aufglühen. Als kleinen Gruß für seinen Retter, den dicken Stern.  Er hatte auch einen neuen Platz gefunden. Von dort aus bewacht er, bis heute, zufrieden den kleinen Stern. In klaren Nächten kann man ihn, weil er so dick und rund ist, jeden Abend sehen. Die Menschen nennen ihn den Abendstern.

 

Text: Perdita Klimeck

Illustration: Sarah Engelhardt


Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    Indihex (Samstag, 03 Januar 2015 15:39)

    Das ist ein wunderschöne Geschichte. Toll gemacht. Großes Lob.

  • #2

    angelface (Samstag, 17 Januar 2015 12:06)

    welch eine kleine wundersame geschichte, wie gern würden ihr die Erwachsenen auch glauben, auf sie bauen und hoffen, dass ein kleiner Stern in der Nacht den Mond erhellt und begeistert wie diese entzückende Geschichte die man am Liebsten JEDEM Kind auf der Welt vorlesen möchte, auf dass der Stern auch sein Leben erhellt....
    herzlichst Angelface....sehr lächelnd

  • #3

    Heike Baumgardt (Sonntag, 18 Januar 2015 17:18)

    Wunderschoen geschrieben...bin sehr begeistert auch meine Enkelchen haben geschmunzelt.

  • #4

    klaerchen (Samstag, 14 Februar 2015 10:22)

    Eine reizende Geschichte um eien kleinen Stern der Kinder beglücken kann. Sehr schön illustriert, lesens- und sehenswert.
    Herzlichst, Klärchen